Hamburger Abendblatt

Ausgeliehen, vorgemerkt, verschollen

21. Juni 2010

Annina v. Woedtke, BWL-Studentin der Uni Hamburg

Die Büchersuche in den Bibliotheken gestaltet sich oft schwieriger als gedacht. Auch an der Hamburger Stabi sind zahlreiche Bücher verschwunden und tauchen erst nach langem Warten wieder auf. 

Von Sophie Hilgenstock

Annina v. Woedtke ist verzweifelt – verzweifelt auf der Suche. „Eigentlich sollte das Buch hier in der Lehrbuchsammlung sein, aber es ist ständig weg“, sagt sie. „Das ist echt frustrierend.“ Die 27-Jährige studiert Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. Seit Wochen sucht sie in der dortigen Staats- und Universitätsbibliothek (Stabi) ein bestimmtes Buch, bis jetzt ohne Erfolg. Konzentriert geht Woedtke die Regalreihen entlang, in der Hand einen Zettel mit der Signatur, ihr Blick scannt jeden Band danach ab. Doch „Wissenschaftliches Arbeiten“ von Axel Bänsch und Dorothea Alewell bleibt auch heute verschwunden.

Woedtke ist im elften Semester und schreibt ihre Diplomarbeit über Kommunikationsbarrieren in multikulturellen Teams von internationalen Unternehmen. Ein halbes Jahr hat sie sich dafür Zeit genommen, doch schon die Büchersuche verzögert ihren Plan. Zehn bis zwanzig Werke braucht sie für ihre Arbeit, aber nicht an jedes kommt sie so einfach ran. „Viele der Bücher sind verliehen und müssen vorgemerkt werden. Das kostet Geld und dauert oft wahnsinnig lange“, sagt Woedtke. Vier bis sechs Wochen warte sie auf Bücher wie „Makroökonomie“ von Oliver Blanchard und Gerhard Illing oder „Kostenrechnung“ von Carl-Christian Freidank, zwei unter BWLern begehrte Werke. „Manchmal möchte man nur kurz ins Buch reingucken und dann braucht man es doch nicht, aber das weiß man leider nicht vorher“, sagt sie und streicht sich genervt ein paar blonde Strähnen aus dem Gesicht.

Annina v. Woedtke, BWL-Studentin der Uni Hamburg

Annina v. Woedtke, BWL-Studentin der Uni Hamburg

Ein weiteres Problem sind die verstellten Bücher. „Im Lesesaal findet man oft nichts wieder“, sagt Woedtke. Manche Studenten hätten sich ihr eigenes Ausleihsystem entwickelt. Sie bringen Bücher, die für ihre Klausurvorbereitung oder Hausarbeit nützlich sind, nicht wieder an den Stammplatz zurück, sondern verstecken sie irgendwo im Lesesaal: Unter einem Regal, oben drauf, eine Regalreihe weiter oder in einem ganz anderen Fachbereich. „Ich muss zugeben, ich habe auch schon mal ein Buch verstellt, das macht hier jeder“, sagt Woedtke. Am Schlimmsten seien allerdings die Juristen, die aktuellsten Ausgaben der Gesetze und Kommentarbände seien meist versteckt.

Auch Gabriele Beger, Direktorin der Stabi, kennt das Problem der verschwundenen Bücher: „Zwanzig Prozent des Gesamtbestandes sind verstellt oder verschollen. Das ist die goldene Regel, die gilt überall auf der Welt.“ In ihrem Hause sei die Verstellquote zwar etwas geringer, trotzdem schmerze sie jeder einzelne Verlust. „Das kann empfindlich teuer werden“, sagt Beger. Ein verstelltes Buch ist weg und muss nachgekauft werden, nur durch Zufall wird es wiedergefunden. Die Direktorin gibt jährlich eine halbe Million Euro für den Erhalt der Stabi-Bestände aus. „Aber gestohlen wird hier wenig, früher war das viel schlimmer“, sagt Beger. Das müsse an der guten Sicherung liegen, zumindest habe Hamburg im Gegensatz zu anderen Bibliotheken bisher auf Videoüberwachung verzichtet.

Gabriele Beger, Direktorin der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek

Gabriele Beger (58), Direktorin der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek

Seit Dezember 2005 führt Beger die Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek, die viertgrößte Bücherhalle Deutschlands mit 3, 3 Millionen Büchern, 6.700 Zeitschriften, 107.000 elektronischen Beständen, 1200 Datenbanken und 750 Benutzerarbeitsplätzen in fünf Lesesälen. Beger kommt ursprünglich aus Berlin und war zuvor Direktorin der dortigen Stadtbibliothek. In Hamburg hat sie gleich mehrere Aufgaben und Problemfelder zu lösen. Wie der Name schon sagt, ist die Stabi nicht nur zentrale Uni-Bibliothek sondern gleichzeitig die Landesbibliothek der Hansestadt Hamburg. „Wir sind das Gedächtnis der Stadt und haben die Pflicht, alle Veröffentlichungen zu sammeln“, sagt Beger. Die 58-Jährige hat laut der Leitsätze der Stabi auch den Auftrag, „für rasche Zugänglichkeit und Lieferung der Informationsressourcen“ zu sorgen. Etwas, von dem Woedtke bisher wenig bemerkt hat. Beger zeigt sich jedoch bemüht: „Wir haben sehr viele Vormerkungen“, sagt sie. Im vergangenen Jahr seien es 61.000 gewesen, bei 1,2 Millionen realen Entleihungen insgesamt. „Es gibt Bücher mit sehr hohen Nachfragen, die versuchen wir dann in mehreren Exemplaren nachzukaufen“, so Beger.

In die Stabi strömen jährlich über eine Million Besucher, ein Drittel davon sind so genannte Stadtleser, der Rest ist von der Hochschule. Die wenigsten, etwa 50.000, sind aktive Entleiher, zehnmal mehr Menschen besuchen die Lesesäle. Auch Woedtke kommt gern in die Stabi, wenn es nicht gerade um Büchersuche geht. Jeden Tag um neun sucht sie im Lesesaal ihren Stammplatz auf, um an der Diplomarbeit zu schreiben. In die Handbücher, Nachschlagewerke und Zeitschriften, die sie dort umgeben, blickt sie allerdings wenig. „Inzwischen arbeite ich mehr mit Texten aus elektronischen Datenbanken“, sagt Woedtke. Damit ist sie nicht die einzige: Über die Stabi-Website wurden zuletzt rund 280.000 E-Papers herunter geladen. „Das Internet hat das Bibliothekswesen revolutioniert“, erklärt Beger. Im vergangenen Jahr hätten neun Millionen Besucher die Stabi virtuell besucht. Recherchieren, bestellen, verlängern – alles geschieht heute im Netz.

Für Woedtke ist die Bibliothek weniger Informationsressource als Arbeitszimmer. „Ich kann mich hier besser konzentrieren als zuhause“, sagt die gebürtige Düsseldorferin. So wie Woedtke halten es viele, vor allem seit Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge strömen Hunderte zum Büffeln in die Unibibliotheken. „Das kollektive Lernen in der Bib ist etwas Neues“, sagt Beger. Plötzlich müsse sie nicht bloß Bücher kaufen, sondern vor allem Stühle, so die Direktorin. In den Sommersemesterferien ist dann ein Umbau des zweiten Stockwerks geplant. „Die Bibliothek muss größer und schöner werden, sie wird immer mehr zu einem kommunikativen Raum“, erklärt sie. Ob Woedtke sich dann noch gut konzentrieren kann, bleibt fraglich. Bis dahin hat sie die Diplomarbeit allerdings abgegeben.