Hamburger Abendblatt

„Irgendwann sind die Akkus leer“

21. Juni 2010

Bernd Nixdorff, Psychotherapeut an der Uni Hamburg

Bernd Nixdorff ist Psychotherapeut an der Universität Hamburg. Wir haben ihn gefragt, wie wichtig Auszeiten für Studierende sind. Ein Interview über eine der schönsten, aber auch seltensten Seiten des Studiums: Die Freizeit.

Von Sophie Hilgenstock

Herr Nixdorff, das Studentenleben gilt als unbeschwerlich und ruhig, aber viele Studierende klagen über Stress und Leistungsdruck. Wie passt das zusammen?

Ja, das scheint ein Widerspruch zu sein. Doch in Wirklichkeit ist das Studentenleben nicht mehr so unbeschwerlich wie früher. Man hat als Studierender zwar grundsätzlich mehr Freiheiten als jemand, der eine berufliche Ausbildung macht oder jemand, der schon berufstätig ist. Im Studium braucht man aber viel mehr Energie und Fähigkeit, sich selbst zu organisieren. Ich vergleiche Studierende mit Selbstständigen. Das sind lauter kleine Ein-Mann- beziehungsweise Ein-Frau-Betriebe, die den Alltag meistern und auf das Ergebnis – den Abschluss – hinarbeiten müssen.

Das Studium kann also durchaus stressig sein. Wie viel Freizeit braucht man als Student oder Studentin?

Das ist individuell unterschiedlich. Aber ich plädiere auf eine grundsätzliche Trennung von Arbeit und Freizeit. Viele Studierende kommen mit der Balance nicht zurecht. Sie machen Freizeit in der Phase, wo sie arbeiten wollen. Da schreiben sie Emails, twittern oder gucken fern. In der Freizeit wiederum haben sie ein schlechtes Gewissen, weil sie denken, sie müssten arbeiten. Das ist beides extrem unproduktiv. Studierende müssen sich einen strukturellen Rahmen schaffen: Eine abgrenzbare Zeit, wo geleistet wird, und eine, wo regeneriert wird.

Was passiert, wenn die Studierenden keine Pausen einlegen?

Dann sind irgendwann die Akkus leer. Die Studierenden sind erschöpft, ausgebrannt. Manche haben über Jahre keinen Urlaub gemacht. Und mit der Erschöpfung kommen die Selbstzweifel. Wenn ich ausgeruht, stark und selbstbewusst durch einen dunklen Wald gehe, kann mir nichts passieren. Aber wenn ich erschöpft und unsicher bin, bekomme ich Angst. Ich kenne genügend Leute, die sich in Depressionen arbeiten. Der Körper holt sich seinen Teil zurück, er fängt an zu streiken, es folgen Schlafstörungen, Selbstzweifel, Hautausschlag.

Manche Studierende kommen ins Straucheln. Was machen sie falsch?

Die Studierenden, denen die Balance zwischen Arbeit und Freizeit fehlt, haben offensichtlich ein großes Defizit an Selbstmanagement. Sie schaffen es nicht, ihre Zeit effektiv zu nutzen. Sie verzetteln sich durch Zeitfresser, können nicht „Nein“ sagen und müssen auf jedes Trittbrett aufspringen. Zeitmanagement ist vor allem Konfliktmanagement: Der Tag hat 24 Stunden und man muss sich entscheiden – das heißt „scheiden“ von den Dingen, die man nicht machen kann. Wer den roten Faden verliert, kommt irgendwann ins Straucheln und hat das Gefühl, nichts zu erreichen. Deshalb sind Auszeiten lebenswichtig, aber viele müssen das Pausen-Machen erst lernen.

Welche Freizeitbeschäftigung ist eigentlich am sinnvollsten?

Alles, was Spaß macht. Ich halte Sport für einen guten Ausgleich, denn Studieren ist eine körperlich sehr einseitige Geschichte. Aber wer Sport hasst, ist in einer Kunstausstellung besser aufgehoben. Man sollte etwas tun, wo sich die Seele wohl fühlt. Malen, Kochen, Musik hören oder am besten noch: Musik machen. Nie verkehrt sind natürlich autogenes Training, Yoga oder Meditation. Wenn Studierende lernen, sich körperlich zu entspannen, zu zentrieren, ist das sicherlich ein guter Ausgleich.

Und was bringen die regelmäßigen Auszeiten für das Studium?

Es verbessern sich vor allem Leistungsfähigkeit und Selbstvertrauen. Durch alles, was ich übertreibe, verliere ich die Lust am Studium und ende in einem Teufelskreis. Wenn ich rechtzeitig für Regeneration sorge, in welcher Form auch immer, verliere ich nicht den Spaß an der Sache.

Es gibt Studenten, die sich in Depressionen arbeiten, sagt Nixdorff. Quelle: ddp

Es gibt Studenten, die sich in Depressionen arbeiten, sagt Nixdorff. Quelle: ddp

Wie lange lässt sich eigentlich am Stück lernen?

Das ist unterschiedlich. Aber ich glaube, der klassische 45-Minuten-Rhythmus ist gar nicht schlecht. 45 Minuten lang lernen, dann eine kurze Pause, dann wieder eine 45-Minuten-Einheit, und dann eine längere Pause. Wie oft man die Einheiten wiederholt, hängt vom Stoff ab, von der eigenen Leistungs- und auch Leidensbereitschaft. Wichtig ist, für Unterschiede und Abwechslung beim Lernen zu sorgen. All das kann das Ausbrennen, die totale Erschöpfung und Depression verhindern.

Würden Sie empfehlen, in Prüfungsphasen auch mal ordentlich feiern zu gehen?

Unbedingt! Man darf sich nicht abtrennen vom Leben, muss auch schöne Sachen erleben. Die Studierenden müssen in einer so genannten lernpositiven Hormonlage sein. Sie sollen Lust am Leben haben, an sich und den anderen. Dann fällt das Studium leichter. Wer auf alles verzichtet, sodass sein Leben grau und trübsinnig wird, kann keine gute Leistung erbringen. Aber natürlich ist das extreme, regelmäßige Feiern genauso wenig produktiv, das schadet letztlich mehr als es nützt.

Hat das Stresspotential auch mit der Größe der Hochschulen zu tun – sind die Studierenden an Massen-Unis belasteter als jene an kleineren Universitäten?

Nein. Aber natürlich ist das Großstadtleben grundsätzlich stressiger, die Abwechslung und die Reize sind größer. Gleichzeitig kann ich mir Studierende vorstellen, die an kleinen Unis verrückt werden, weil sie sich eingesperrt fühlen oder gegenseitig im Leistungsdruck hochschaukeln. Meiner Ansicht nach sollte jeder Student gucken, ob er als Typ an die jeweilige Uni passt. Nicht jeder mag in New York leben, obwohl es eine tolle Stadt ist, sondern ist besser in Braunschweig aufgehoben.

Welche Studienfächer bieten denn am meisten Freizeit?

Mir fällt auf, dass die Sportstudenten und -studentinnen am wenigsten wegen Stress oder psychischer Probleme zu uns kommen. Anscheinend müssen sich im Sportstudium Leute treffen, die mit Leistungsdruck oder Selbstzweifeln gut umgehen können. Die klassischen Fächer wie Medizin und Jura haben ein deutlich höheres Stresspotential. Der Grund dafür ist kompliziert. Es hat sicherlich mit den schwierigen Examina zu tun, aber auch mit den ständischen Berufvertretungen, dem Ansehen in der Bevölkerung, dem Notenspiegel und so weiter.

In den Semesterferien schreiben die Studierenden Hausarbeiten oder machen Praktika. Wann bleibt da noch Zeit für richtigen Urlaub?

Auch das ist eine Frage der Zeitplanung und zugegebener Maßen nicht einfach. Die Studierenden sollten sich aber zwei bis drei Wochen Urlaub im Jahr fest einplanen und organisieren. Wie ein Arbeitnehmer das auch machen muss.

Herr Nixdorff, wir danken Ihnen für das Gespräch!