Hamburger Abendblatt

Claras Kolumne: Kühlschrank-Kommunismus, nein danke!

21. Juni 2010

claraClara kennt sich aus. Regelmäßig schreibt sie in dieser Kolumne über ihr Leben als Studentin – inklusive Liebeskatastrophen, verpatzten Prüfungen und schwierigen Kommilitonen.

Ich bin es satt! Ich bin es satt, hungrig nachhause zu kommen, ungeduldig die Kühlschranktür aufzureißen und darin nichts als gähnende Leere vorzufinden. Heute schon wieder: Ein verschrumpeltes Tomätchen, eine brettharte Käsescheibe, ein angefressener Rest Erdbeertorte, ein Klecks vergammeltes Pesto. Fort der Traum vom leckeren Abendbrot…Wo sind all die Köstlichkeiten hin, die ich gestern eingekauft habe? Französischer Brie, Pumpernickel, saure Gurken und Bio-Joghurt. Alles weg, aber nicht spurlos: Schwarzbrotkrümel auf dem Küchentisch verraten, hier hat schon jemand anderes geschlemmt. Chris, der Scheißkerl! Mein neuer Mitbewohner besitzt die schlechte Angewohnheit, meins für seins zu halten.

Chris ist BWLer und überzeugter Macho – für ihn gehören Frauen entweder ins Bett oder in die Küche – doch am Kühlschrank wird er zum Kommunisten. Natürlich haben wir WG-Regeln, Privateigentum ist tabu, im Sitzen pinkeln, sonntägliches Putzen und so weiter. Offensichtlich aber hat Chris große Schwierigkeiten, sich an das Vereinbarte zu halten, und versucht stattdessen sein jüngst verlassenes Hotel Mama durch die Vollpension Clara zu ersetzen. Nach dem Motto „Das Buffet ist eröffnet“ frisst er sich durch meine Lebensmittel.

Anfangs hielt ich es noch für spießig, bei jeder leeren Milchtüte oder angenagten Salami auf den Tisch zu hauen. Mittlerweile aber geht es ums Überleben! Ich will den gefräßigen Mitbewohner zur Rede stellen, zum Supermarkt jagen oder zwingen, mir eine Pizza zu bestellen, doch die Zimmertür ist verschlossen. Dahinter höre ich leises, weibliches Kichern: Chris hat offenbar Damenbesuch. Wütend renne ich zurück in die Küche und vergreife mich – Privateigentum hin oder her – an der kleinen Minibar, die der Macho mit seltenem Stolz hegt und pflegt. Ein Glas seines teuersten Martini Bianco lasse ich mir genüsslich schmecken. Danach laufe ich grollend zum Döner um die Ecke.

shi