Hamburger Abendblatt

Die Gesellige

24. Juni 2010

Liefka HA Live 1-1Liefka Würdemann (31) liebt das Leben – inklusive kleiner Katastrophen und großer Fettnäpfchen. Damit auch andere etwas davon haben, schreibt die Unimitarbeiterin Texte darüber. Ein Interview (mit Videos) für etwas mehr Weltfrieden.

Von Jenny Bauer

Sie schreiben Ihre Geschichten ausschließlich in der Ich-Perspektive. Es scheint oft, als handle es sich um Ihr eigenes Leben. Wo ist die Grenze zwischen der Protagonistin Liefka und der realen Liefka Würdemann?

Die Geschichten haben immer einen realen Kern, quasi einen Startpunkt, und dann kommt eben die Fantasie dazu. Ich übertreibe und erfinde Dinge dazu. Oft füge ich viele verschiedene Situationen zu einer zusammen. Das ist häufig schwierig, weil das Publikum den Erzähler automatisch dem Autor gleichsetzt. Manchmal schreibe ich auch etwas und will damit provozieren. Das ist dann zwar vielleicht gar nicht meine Meinung, aber natürlich trotzdem ein Teil von mir, weil ich es für eine Geschichte verwende. Insofern würde ich sagen, steckt überall ein bisschen reale Liefka drin.


Was würden Sie tun, wenn Ihr Leben so dröge wäre, dass daraus keine guten Geschichten entstehen könnten?

In der Zeit nach meinem Studienabschluss hatte ich Probleme, Texte zu schreiben. Mein Bruder kam damals auf mich zu und sagte: „Du gehst halt nicht mehr aus und machst nichts mehr. Das ist das Problem. Du erlebst nichts mehr.“ Das hat mich total in Panik versetzt, weil ich dachte, jetzt ist es vorbei. Aber diese Phase habe ich überwunden, jetzt habe ich wieder genügend Stoff. Ich glaube, so etwas wird auch nicht wieder passieren. Ich lese und slamme jetzt seit fünf Jahren und ich weiß gar nicht mehr, wie ein Leben ohne diese Auftritte aussehen würde.

Wie kamen Sie denn zum Slammen?

Ich habe damit angefangen, Geschichten auf einer Internetplattform zu veröffentlichen und dort meine ersten Erfahrungen gemacht. Dann habe ich irgendwann eine Lesung in der Mathilde Bar organisiert. Und deren Inhaber Thomas Nast hat mich damals gefragt, ob ich nicht Interesse hätte, eine satirische Lesegruppe mit ihm zu gründen. Das war vor fünf Jahren, im Juli feiern wir unser fünfjähriges Jubiläum.

Bei der angesprochenen Gruppe handelt es sich um die Lesebühne Längs. Worum geht es dabei genau?

Längs besteht aus drei festen Autoren und einem immer wechselnden Gastleser. Wir schreiben Texte, um diese dann einem Publikum zu präsentieren. Das passiert jeden zweiten Samstag im Monat in der Mathilde Bar im Grindelviertel. Dazu kommen noch einige andere Auftritte in und um Hamburg. Unsere Texte sind überwiegend satirisch und witzig. Wir wissen vor einer Lesung nie, was passiert. Vieles ergibt sich auch aus der Situation.

Chaos oder System – wie läuft das Schreiben konkret ab?

Zuerst brauche ich eine Idee. Ich merke an der Idee, ob der Text das Potential hat zu funktionieren. Letztens war ich beispielsweise mit meiner Mutter auf einem Molekular-Kochkurs der Volkshochschule. Das hat definitiv das Zeug dazu, ein lustiger Text zu werden. Und dann setze ich mich meistens am Freitag oder Samstag vor der Lesung hin und fange an zu schreiben. Ich kenne aber nur die Idee. Der Text entwickelt sich automatisch und manchmal wird etwas ganz anderes daraus, als das, was ich am Anfang geplant habe. Ich bekomme während des Schreibens Ideen und komme in den Fluss. Das ist ganz spannend.

Wie beeinflusst die Tatsache, dass Sie den Text am Ende laut Vorlesen wollen, die Art zu schreiben?

Mittlerweile mehr als noch ganz am Anfang. Ich glaube, das lässt sich gar nicht voneinander trennen. Das ist ein Prozess, der automatisch vonstatten geht. Ich weiß natürlich – rein handwerklich und technisch – was funktionieren könnte. Insofern denke ich automatisch in diese Richtung. Letztendlich ist es aber nie ein Konstrukt, das ich mir vorher zurechtlege und dann nur noch mechanisch mit Wörtern fülle. Es kommt immer aus dem richtigen Leben und aus dem Herzen – aber natürlich weiß ich auch, was funktioniert und benutze das dann automatisch.

Wo ist für Sie Schluss mit lustig?

Ich finde es blöd, wenn jemand andere Leute persönlich angreift. Und dann eben bösartige Beleidigungen von Minderheiten. So etwas wie Ausländerfeindlichkeit kommt für mich nicht in Frage. Was ich aber gerne mache, ist, dass ich über einzelne Bevölkerungsgruppen satirisch erzähle. Dann wünsche ich mir, dass die Leute das nicht falsch verstehen. Wenn ich mich über eine Brünette – und damit auch über mich selbst – lustig mache, dass damit nicht gemeint ist, dass ich gegen Brünette bin. Manchmal sind das auch Stilmittel.

Was steht in fünfzig Jahren in einem Wikipedia-Eintrag mit der Überschrift Liefka Würdemann?

Vermutlich etwas Satirisches: „Liefka Würdemann versuchte Zeit ihres Lebens lustige Geschichten zu schreiben und ein Publikum zu finden, das ihr zuhört. Sie vereinsamte im Zuge Ihres Lebens, weil alle Menschen Angst hatten, sich mit ihr zu treffen und mit ihr zusammen Sachen zu erleben, weil sie wussten, dass die alle sofort in ihren Geschichten verwendet würden.“

Ihre Chance, der Welt das zu sagen, was ganz ganz wichtig ist:

Lacht mehr. Geht mehr aus. Nehmt euch selbst nicht so ernst. Nehmt mich nicht so ernst. Ach ja, und Weltfrieden natürlich!

Liefkas Längs-Kollegen und Gastleserin Kathrin Weßling: