Hamburger Abendblatt

Der Zeitlose

23. Juli 2010

fdfdsaClaus Günther fällt auf. Denn er ist einer der ältesten Poeten in der Slammer-Szene rund um das Grindelviertel. Im Interview spricht er über zeitlose Texte und die Muse Lebenserfahrung.

Von Jenny Bauer

Herr Günther, Sie sind 79 Jahre alt. Im Literatur-Café Mathilde nahe der Grindelallee lesen Sie regelmäßig Ihre Texte vor und konkurrieren mit den anderen Schreibern um die beste Bewertung durch das Publikum. Poetry Slam nennt sich das. Sind Sie nicht zu alt für so etwas?

Solange mich die Leute noch hören wollen und mich auch einladen und ich zum Teil dann auch mal den ersten oder zweiten Platz belege bei diesen Wettbewerben, freue ich mich darüber. Ich hab auch drei Bücher geschrieben. Das sind Aufgaben, die ich mir mehr oder weniger selbst stelle. Solange das geht und der Kopf mitspielt, werde ich das auch beibehalten. Das ist so ein bisschen mein Lebenselixier.

Die meisten Ihrer Zuhörer sind jünger als Sie. Wie ist denn das Feedback?

Das ist im Allgemeinen sehr, sehr gut. Obwohl ich da auch Unterschiede erlebt habe. Ich habe zum Beispiel letztens in der Mathilde einen ernsten Text vorgelesen und ich wusste von vornherein, damit kann ich nicht den ersten Platz belegen. Aber da kamen ein paar Ältere auf mich zu und sagten: „Das hat mir sehr gut gefallen. Ich hab dir zehn Punkte gegeben.“ Also die Höchstwertung. Die jüngeren Zuhörer mögen meist eher die lustigen Texte.

Viele Ihrer Satiren funktionieren bei jeder Alterklasse. Ist Humor zeitlos?

Ja, denke ich schon. Humor ist ja auch eine bestimmte Lebens- und Überlebensstrategie. Als Schüler – ich bin ja nicht besonders groß – gehörte ich mit zu den Kleinsten. Bei Schlägereien konnte ich also schlecht mithalten. Aber wenn es darum ging, die Anderen zum Lachen zu bringen, dann kam ich. Das war praktisch meine Waffe. So etwas gibt es bestimmt auch heute noch auf den Schulhöfen.

Wie würden Sie denn Ihren Textstil beschreiben?

Den würde ich auch zeitlos nennen. Es kommt ein bisschen drauf an, ob es sich jetzt um Lyrik oder Prosa handelt. Ich schreibe ja nicht nur heitere, sondern auch ernste Sachen. Das hängt immer von der Themenstellung ab. Und wenn ich Lyrik schreibe, dann hab ich für mich selber die Regel, dass ich Reime bringe, die sich auch vom Rhythmus her gut vortragen lassen.

Schreiben Sie Ihre Texte anders, weil sie zum lauten Vorlesen gedacht sind und nicht zum stillen Lesen?

Das glaube ich schon. Wenn ich die vortragen möchte, dann lese ich sie mir zuhause auch laut vor. Das ist wichtig. Als ich anfing, habe ich mir immer „Pause“ dazwischen geschrieben, weil ich festgestellt habe, dass ich zuhause gleichmäßiger und langsamer lese, als wenn ich etwas in der Öffentlichkeit vortrage. Vielleicht ist dann ein bisschen Lampenfieber mit dabei. Dann muss ich aufpassen. So schnell kann mir vielleicht nicht jeder folgen. Ich muss dem Publikum auch eine Pause gönnen.

Haben gute Texte etwas mit Lebenserfahrung zu tun?

Ja, ganz sicher. Manche Texte bewahre ich auch über einen längeren Zeitraum auf. Wenn ich die dann zuhause mal wieder lese, dann denk ich: „Da hast du die und die Ansichten gehabt und heute würdest du dazu doch ein bisschen anders stehen.“ Über manches wunder ich mich auch: „Mensch, da hast du damals schon geschrieben?“ Dann ziehe ich vor mir selbst im Geiste den Hut.

Was begeistert Sie denn so am Slammen?

Eben das Zusammenkommen mit allen möglichen Leuten aus den unterschiedlichsten Schichten. Mir macht es ganz einfach Spaß. Und wenn ich dann auch noch das ein oder andere Mal den ersten Platz belege, obwohl ich nicht zu den bekanntesten Slammern zähle,dann fühlt sich das gut an.

Sie haben immer mit Wort und Schrift zu tun gehabt – ob als Druckerei-Kaufmann, Korrektor oder Werbetexter. Heute sind Sie Redakteur bei der Zeitung eines Zeitzeugenprojekts. Ist an Ihnen ein Schriftsteller verloren gegangen?

Ich denke schon. Wenn ich das Zutrauen und das Können, das ich jetzt habe, schon in jüngeren Jahren gehabt hätte, dann wäre das vielleicht was geworden. Ich wollte mal Journalist werden. Aber ich hatte kein Abitur. Zudem war, als ich zur Schule gegangen bin, mein Vater als Kriegsheimkehrer vorerst arbeitslos. Zum Studieren wäre kein Geld da gewesen. Da wäre überhaupt nicht dran zu denken gewesen. Das bedaure ich ein bisschen.