Hamburger Abendblatt

Der Weltverbesserer

9. August 2010

thomas langkau satzsucher 3Afrika,  Kirgistan, Iran – alles weit weg und trotzdem ganz nah für Thomas Langkau. Der 41-Jährige ist Poetry Slammer. Regelmäßig liest er seine Texte einem Publikum vor und lässt sie bewerten. Im Interview spricht er über die ernste Seite des Slammens.

Von Jenny Bauer

Viele Ihrer Texte sind sehr ernst und nachdenklich. Woher der Schwermut?

Es gibt einfach viel zu viel Schwermut in dieser Welt, und dafür haben wir viel zu wenig davon. Ich nehme da eine Vermittlerrolle rein, um die Leute hier ihn ihrem Leichtsinn auf den Schwermut hinzuweisen. Ich neige dazu, alles in globale Zusammenhänge zu stellen. Das ist oftmals wirklich übertrieben, aber das ist so meine Macke.

Was unterscheidet Ihren Schreibstil von dem Ihrer Kollegen?

Viele Slammer sind auf eine bestimmte Richtung festlegbar. Wenn die auf die Bühne kommen, weiß der Zuhörer bereits, was passiert. Ich versuche immer, zwischen den Genres zu wechseln. Ich habe zwar ganz viele ernste Texte, die ich schön finde und sehr gerne lese, aber manchmal kann ich mich selbst dann auch nicht mehr hören. Ich will nicht, dass die Leute sagen: „Jetzt kommt Thomas, jetzt müssen wir alle traurig sein.“ Deswegen hab ich auch lustige und romantische Texte.

Sie haben also ein Repertoire an unterschiedlichen Texten. Wovon hängt es dann schlussendlich ab, welcher davon bei einem Auftritt gelesen wird?

Meistens davon, worauf ich gerade Bock habe. Manchmal hängt es auch vom Gegner ab. Wenn ich zum Beispiel gegen Leute mit richtig guten ernsten Texten antrete, dann kommt es darauf an, ob ich da jetzt sozusagen auf Augenhöhe kontern oder einfach etwas ganz anderes machen will. Es kommt aber auch auf den Startplatz an. Wenn ich als Erster oder Zweiter lese, kann ich keinen Text über Kindersoldaten machen. Das killt jeden Poetry Slam. Bei  Starplatz neun oder zehn denke ich manchmal, „ok, die haben genug gelacht und jetzt kriegen sie mal einen auf die Zwölf“. Dann kommt ein schwerer Text.

Wie wichtig ist denn das Publikum?

Das Publikum ist wichtiger als der Slammer. Definitiv. Ich wünsche mir immer ein faires Publikum. Das heißt, sie sollen Texte gut finden oder schlecht finden, aber die sollen nicht einfach sagen „das war nicht lustig genug“ oder „das war viel zu albern“. Das Publikum in Norddeutschland ist wirklich großartig. Hier hat es sich etabliert, dass ein Slammer mit jedem Thema gewinnen kann. Hauptsache der Text ist gut.

Hat es ein Slammer schwerer, der nicht eine lustige Pointe nach der anderen bringt?

Nicht mehr. Es gab vor ein, anderthalb Jahren diesen Trend, wo wirklich auf Pointe geschrieben werden musste. Es gibt aber so viele Slammer, die so unglaublich gute, ernste Texte machen, die brauchen die Pointe nicht mehr. Die kriegen die Leute trotzdem.

Auf Ihrer Internetseite satzsucher.de steht, Sie würden nach perfekten Sätzen suchen. Wie läuft denn die Suche?

Ganz gut. Ich finde immer wieder hervorragende Sätze. Ich baue dann Wörter drum herum, um sie zu veröffentlichen. Aber die anderen Textstücke dürfen den Satz nicht verdecken, sondern sie müssen ihn eher einrahmen. Manchmal passiert das völlig zufällig. Ich arbeite an einem Text und auf einmal schreibe ich einen Satz – und das ist der Hammer. Ich gehe drei Schritte zurück, schaue ihn noch einmal an und denke: „Wie geil ist das denn. Das ist der Knaller.“

Gibt es ein paar Beispiele?

Eine Passage aus meinem Text Mein Phlegma ist mir egal: „Wenn mir etwas herunter fällt, hebe ich es nicht auf. Nein, ich lege mich daneben.“ Das ist der Kracher. An dieser Stelle bricht das Publikum jedes Mal zusammen. Oder in dem Text Wie es mir geht. Darin geht es um Afghanistan: Ein Soldat und ein Taliban sterben. Da kommt dann die Frage vor: „Was ist schwerer – eine Kilo Federn oder ein Kilo Blei?“.

Was macht diesen Satz perfekt?

Es geht darum, einen Satz, den jeder kennt, in einen ungewohnten Kontext zu stellen. Diese Frage „Was ist schwerer – eine Kilo Federn oder ein Kilo Blei?“ in Zusammenhang zu stellen mit deutschen Soldaten, die nach Afghanistan gehen und da kämpfen und auf der anderen Seite einem Taliban, der dort auch kämpft. Wie gerechtfertigt das von beiden auch immer sein mag. Also einfach mal klar zu machen: Beide sind 24, beide haben eine Tochter, sprich beide haben Gefühle und beide sind auf einmal tot. Und in unserer Wahrnehmung interessiert uns der Taliban überhaupt nicht, denn der ist selber schuld. Aber der deutsche Soldat, der ist eine Katastrophe.

Gute Sätze sind wertvoll. Behalten Sie manchmal einen besonders schönen für sich?

Man kann nichts festhalten, was einem gefällt und was man liebt. Sobald man anfängt, es festzuhalten, ist es verloren – und genauso ist es auch mit Sätzen. Wenn ich sie festhalte, sprich für mich behalten will, sind sie tot. Also muss ich sie anderen mitteilen. Und dann können die immer noch sagen, dass ich spinne. Taliban, Soldat, Schwachsinn.

Was wollen Sie mit Ihren Texten erreichen?

Ich möchte die Brücken, die ich in meinem Kopf habe, nach außen tragen. Zum Beispiel der Text Sein oder nicht sein. Da wird die Widerstandsbewegung im Iran mit gewalttätigen Demonstrationen in Deutschland verglichen. Wenn hier jemand gegen Wasserwerfer Steine schmeißt, dann ist er ein Chaot. Aber die Leute im Iran feiern wir als Widerstandskämpfer.  Oder die Gegenüberstellung von dem Soldat und dem Taliban. Das sind Brücken, die ich im Kopf habe. Ich will das überhaupt nicht werten. Ich setze Dinge in Beziehung zueinander und biete diese Brücken den Leuten an. Die können das bewerten wie sie wollen. Aber vielleicht bringt es ein paar Menschen zum Nachdenken.